Empathische Friedensberaterin: Maria Biedrawa aus Frankreich

Friedenspreis 2017: Auswahlliste Personen

Da sein, wo sie gebraucht wird - das ist Maria Biedrawa wichtig. Als Friedensberaterin hat die Pädagogin schon viele Kriegs- und Krisenregionen Afrikas bereist. Ihr Ziel: Menschen stärken, die sich für eine Zukunft ohne Gewalt einsetzen.

Als sowjetische Truppen in die Tschechoslowakei einmarschierten, um den Prager Frühling niederzuschlagen, war Maria Biedrawa zwölf Jahre alt und lebte in Österreich. Im Radio hörte sie von den Geschehnissen, die sie stark beschäftigten: "Ich fragte mich, welcher Laune des Schicksals ich es wohl verdankte, auf dieser, der freien, Seite des Eisernen Vorhanges geboren zu sein. Und dann war da, zeitgleich, ein Gedanke, der mich bis heute wie eine Mantra begleitet: Diese Freiheit ist ein Geschenk; ich will und ich muss etwas aus ihr machen; ich bin für sie verantwortlich."

Rückwirkend bezeichnet Maria Biedrawa diesen Vormittag als Geburtsstunde ihres politischen Gewissens und als das Ende ihrer Kindheit. Nach der Schulzeit entschied sie sich für den Beruf der Sozialpädagogin und arbeitete zwölf Jahre lang mit behinderten Menschen. Von ihnen habe sie gelernt, wie man mit seinen eigenen Grenzen sinnvoll leben kann, sagt sie rückblickend. In England zog sie in die "Arche", eine Gemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung, in der das Schema Erzieher – zu Erziehende bewusst durchbrochen war. Ein ambitioniertes Projekt, das sie auch mit ihren eigenen Grenzen im Umgang mit Konflikten konfrontierte.

Seminar als Schlüsselerlebnis

Zu einem Schlüsselerlebnis wurde für sie ein Seminar des französischen Zweigs des Versöhnungsbundes, das ihren Blick auf Konflikte veränderte und ihrem Verständnis der Friedensbotschaft des christlichen Glaubens einen stärkeren Lebensbezug gab. Heute ist sie pädagogische Leiterin des Pariser Instituts "In Viam", einen Weiterbildungsbildungseinrichtung für den sozialen und medizinischen Bereich. Ihr Wirkungskreis reicht jedoch weit über Frankreich hinaus. So gibt sie seit rund 14 Jahren ihr Erfahrungs- und Methodenwissen in Pädagogik, Trauma- und Versöhnungsarbeit in vielen Ländern Afrikas weiter.

Wie kann Versöhnung gelingen?

Empathische Friedensberaterin: Maria Biedrawa aus FrankreichIn Seminaren und Trainingseinheiten unterstützt sie meist ehrenamtlich Menschen –  die nach einschneidenden Kriegs- und Gewalterlebnissen nach Wegen für die Zukunft suchen. Ihre Einsätze führten Maria Biedrawa bereits nach Burkina Faso, Burundi, Elfenbeinküste, den Kongo, Malawi,  den Süd-Sudan, Togo und in die Zentralafrikanische Republik. Wie können Spiralen der Gewalt durchbrochen werden? Wie kann Versöhnung gelingen? Wie kann man Gewaltfreiheit als Haltung im Alltag leben? Und wie kann es weitergehen – nach Erlebnissen, die die Seele starr werden lassen? Um solche Fragen geht es in ihren Seminaren und Trainings. Oft sind es Friedensinitiativen und kirchliche Einrichtungen, die sie mit ihren Kenntnissen unterstützt. Denn auf ihren Reisen wurde ihr schnell klar, wie wichtig es ist, gerade die Friedensarbeiter vor Ort zu stärken, weil diese in ihrem Engagement oft allein und gefährdet sind.

Maria Biedrawa begegnet ihnen nicht mit Patentrezepten. Zuhören, empathisch sein, herausfinden, was gebraucht wird – das ist ihr in ihren Seminaren wichtig, und auch darüber hinaus:  Zur Zeit arbeitet sie an einem Handbuch für Versöhnungsarbeit. Eine praktische Arbeitshilfe soll es werden, die sich vor allem an christliche Gemeinden in Afrika wendet.

Empathische Friedensberaterin: Maria Biedrawa aus FrankreichOft werden ihre Friedensbemühungen von einer blutigen Realität überrollt, doch Maria Biedrawa gibt nicht auf, Menschen zu bestärken, die auf der Suche nach Frieden sind. Denn aus ihrer eigenen Erfahrung weiß sie: Zusammenhänge erkennen, Vertrauen können, in gewaltfreien Lösungen denken – das sind bleibende Erfahrungswerte, "weil sie tiefe Schichten unseres Mensch-Seins berühren".