Gewaltfreiheit im Kindergarten: Kinder stärken für ein friedliches Zusammenleben

Eine Konfliktampel im Kindergarten? Ja, und zwar gleich neben jeder Gruppentür. Mehrsprachige Schriftbanner mit Gefühls-Adjektiven von aggressiv über friedlich und fröhlich bis hin zu wütend und zornig zieren den Flur. So sieht Friedenspädagogik im Kindergarten aus.


Gefühlsampel und AdjektiveWer sich den Kindergarten der Immanuel-Gemeinde in Bremen-Walle umschaut, dem begegnen einige Auffälligkeiten dieser Art. Dahinter steckt Methode: Denn dieser Kindergarten war Konsultationskita in Sachen Friedens- und Religionspädagogik. Er ist bis heute eine Bremer Muster-Einrichtung, die anderen zeigt, wie Konfliktlösungen und Streitvorbeugung im Kita-Alltag idealerweise aussehen können. Erzieherinnen aus anderen Einrichtungen, aber auch alle anderen an Friedenspädagogik Interessierte, können sich hier aus erster Hand praxistaugliche Tipps und Anregungen holen: Wie lässt sich der permanente Zoff in der Bauecke lösen? Was kann ich tun, wenn bei den immer gleichen Streithähnen der kleinste Funke gleich zu wildesten Kraftausdrücken führt? Konflikte gehören zum Alltag von Kindern dazu. Wichtig ist es, dass sie lernen, diese friedlich und konstruktiv zu lösen.

Die erfolgreiche Kooperation geht weiter

Die Stiftung die schwelle hat 2008 mit dem Projekt „Wenn Raben streiten…“ begonnen, in zwei Bremer Kindergärten das ganze Team in Friedenspädagogik auszubilden. Fortgeführt wurde das Projekt mit der Einrichtung der Kita der Immanuelgemeinde, um anderen Kitas ein Vorbild und Anlaufstelle zu sein. Die Fortbildung von 14 Kita-Leiterinnen ist die Fortführung dieser erfolgreichen Kooperation. Organisiert wurde die Fortbildung vom Landesverband evangelischer Tageseinrichtungen.

Für den Schwerpunkt intensiv fortgebildet

Friedenspädagogik hat in der Immanuel-Kita schon eine längere Tradition. Fachlich weitergebildet hat sich das gesamte Team nach dem Modell „Wenn Raben streiten…”, das der Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder mit Unterstützung der Stiftung die schwelle im Jahr 2007 angeboten hatte. 

ÄrgerdracheDas Modell „Wenn Raben streiten…” ist heute selbstverständlicher Bestandteil des Kita-Alltags: Die Konflikt-Ampel, die Figuren des Ärgerdrachens und der Friedensgiraffe, die Methode der Kuscheltieratmung – all’ das wenden die Erzieherinnen an. Überall im Kindergarten gibt es viele pädagogische Hilfsmittel, die Kindern und Erzieherinnen bei der Erkundung der Gefühlswelt helfen. Denn jedes Bedürfnis erzeugt ein Gefühl, das möglicherweise mit den Bedürfnissen und Interessen anderer nicht in Einklang steht. Das erzeugt bei der „Gegenseite” ebenfalls starke Gefühle, die zu Spannungen und Konflikten führen.

Zusammen mit der Pädagogin überlegen die Kinder, wie der Konflikt angefangen hat und welche Bedürfnisse sie haben. „Bei einer gelungenen Konfliktlösung gehen beide Betroffenen mit dem Gefühl heraus, dass sie der ‚Konfliktgegner’ verstanden hat.”  Ein Beispiel: Beim Fußballspiel geht’s urplötzlich sehr ruppig zu, zwei Jungs foulen sich gegenseitig, was das Zeug hält. „Da greift die Konfliktampel. In der roten Phase, der Ärgerphase, entfernt sich einer von beiden erst mal. In der gelben Phase hat sich die Lage dann so beruhigt, dass beide Seiten erzählen können, was aus ihrer Sicht passiert ist und was sie gewollt haben. Es folgt die grüne Phase mit der Frage: Wie geht’s weiter? Wollen sich beide Konfliktparteien aus dem Weg gehen, vertragen oder reicht es, sich einfach mal ausgesprochen zu haben?”

Friedliche Konfliktlösung ist ein Teil der Routine geworden 

Friedenspädagogik ist in der Immanuel-Kita kein Projekt, sondern begleitet Kinder und Erzieherinnen im tagtäglichen Kita-Betrieb. Letztlich geht es darum, diese Prinzipien nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern praktisch zu leben: „Kinder lernen, auch indem sie über ihre Gefühle und Bedürfnisse reden, Strategien für den Umgang miteinander. Wertschätzend und respektvoll miteinander umzugehen, ist die beste Konfliktprävention”, erklärt Dagmar Eckelmann. So erfahren die Kinder, was ihnen ganz persönlich gut tut, um aus Wut, Angst oder Trauer herauszukommen, ohne auf andere loszugehen. „Da gibt es auch die Erfahrung, dass der Weg zurück zur Freude eine ganze Zeit dauern kann.”

Erfahrungen und Methoden weitergeben 

Fortbildung in Friedenspädagogik„Von den Eltern bekommen wir immer wieder positive Rückmeldungen, wie viel von dem Gelernten und den neuen Erfahrungen auch zu Hause ankommt. Auch bei Eltern gibt es ein großes Interesse, von diesen Methoden zu profitieren”, hat Dagmar Eckelmann erfahren. Wissen und Erfahrungen gibt das Kita-Team der Immanuel-Gemeinde gern weiter, um anderen Kitas den Zugang zu dieser Art der Pädagogik zu zeigen und zu erleichtern.

Konfliktfähigkeit macht stark – je früher Kinder einen positiven Umgang mit Gefühlen und Konflikten üben, desto besser. In der Kindertagesstätte der Immanuel-Gemeinde lässt sich entdecken, wie das lebensnah und alltagstauglich funktionieren kann.