Gewaltfreiheit – Grundlage der Identität für Gläubige?

Tag der Gewaltfreiheit in Zagreb: Was wissen Sie über Gewaltfreiheit? fragen Freiwillige von RAND.

Tag der Gewaltfreiheit in Zagreb: Was wissen Sie über Gewaltfreiheit? fragen Freiwillige von RAND.

Das Gegenteil von Glauben ist nicht Unglaube sondern Gewalt (J.M.Muller) Am Ende des Jahres, das vom Papst Benedikt XVI. als Jahr des Glaubens ernannt wurde, nachdenkend, wie weit die Gewaltfreiheit als der Bestandteil der Gläubigenidenität erkennbar ist, machen wir eine kurze Überprüfung.

Wenn man das Wort caritas sagt, wird es sicher jemanden aus unserer Umgebung an die Wohltaten der Katholiken und der römisch-katholischen Kirche erinnern. Und wie ist es mit dem Wort 'Gewaltfreiheit'? Wird es jemand von den Zuhörern mit Gläubigen verbinden? Ich vermute nicht. Ganz ehrlich gesagt, wer von uns, die sich als Gläubige verstehen, verbindet als erstes Gläubige mit den Friedensstiftern oder denjenigen, die gewaltfrei handeln?

Das Problem kommt von der Trennung zwischen "religiös sein" und "gewaltfrei handeln". Wenn wir die entsprechenden heiligen Texte (das Evangelium und den Koran) verfolgen, sind für das christliche Glaubensverständnis, wie auch für den Islam, beide Aspekte der Religionsausübung - wohltätigen Liebe (caritas /sadaka) und Friedensstiftung (die Wurzel fürs Wortes für den Frieden im Islam und Judentum ist slm salaam, shalom) gleich wertvoll, um die Glaubensidentität zu definieren. Doch ein Aspekt der Religionsverwirklichung wurde entwickelt, der andere aber ist verkümmert . Um anzuregen, das eigene Verhältnis zur Glaubensidentität zu verändern, erinnern wir deshalb an die Gedanken des französischen Philosophen der Gewaltfreiheit Jean Marie Muller: "Das Gegenteil von Glauben ist nicht Unglaube, sondern Gewalt". Seine Worte deuten wir als Warnung, dass der Verlust des Friedensaspektes in der Gläubigenidentität einen Verzicht auf den Glauben selbst bedeutet. Gerade die Unempfindlichkeit der Unterscheidung zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit, die Ignoranz gewaltloser Einstellungen und Werte der Friedensstiftung sowie die Unfähigkeit im Wirken und Verhalten, sind Hauptstörungen im Vermitteln der Botschaft der religiösen Traditionen in der heutigen Gesellschaft. Ein volles Missverständnis entsteht, wenn Gläubige die Interessen ihrer konfessionellen oder nationalen Gruppe mit Gewalt verteidigen. Dann zeigen sie deutlich, wie ein pervertierter Glaube aussieht.

Wenn man sich in Gefahr von Gewalt befindet, entscheidet man sich für die Art und Weise, wie man antworten will. Der Entscheidungsaugenblick ist der Moment des Glaubens, in dem man zeigt, wer der Gott ist, an den man glaubt: der Gott des Friedens und der Vergebung oder der Übermacht, der Gewalt und der Zerstörung. Martin Luther King, der baptistische Pastor und Führer des gewaltfreien Widerstandes gegen Rassentrennung in den Vereinigten Staaten († 1968), bezeugte, dass er sich absichtlich weigerte, die Waffe zu tragen. Nachdem er verstanden hat, dass im Falle der Gefahr seine Pistole in der Tasche seine Sicherheit garantieren wird, und nicht die Macht der Gewaltfreiheit, für die er sich auf Grund des Evangeliums und Jesu Beispiels der Feindesliebe begeisterte, wählte er bewusst die Gewaltfreiheit und damit das Risiko. Wenn wir die Religion als eine lebenslange Risikoannahme im Vertrauen auf Gott betrachten, gibt es keinen anderen als den gewaltfreien Weg. Die Friedensstiftung, deren tragende Inhalte Vergebung und Versöhnung sind, hat kein im Voraus gesichertes Ergebnis. Wir gehen trotzdem das Risiko der Gewaltfreiheit ein, aus der Überzeugung, dass Vergebung und Versöhnung die unumgängliche Aufgabe für uns Christen sind, denn sie sind die zentrale Botschaft des Evangeliums.

Wir leben in den Gemeinschaften, die sich nach Versöhnung sehnen. Sie brauchen auf lokaler wie nationaler Ebene eine Übersetzung des religiösen Gebotes der Liebe und Vergebung in den politischen Kontext. Wir leben an den Schnittstellen der sozialen Konflikte und erben die Folgen von Gewalt der Vergangenheit. Deshalb brauchen wir Männer und Frauen, die durch ihren Glaube motivieren werden, die Initiative in der Suche nach der Vergebung zu ergreifen und Versöhnung zu fördern, weil sie tief glauben, dass die Versöhnung "ein Geschenk Gottes und eine Quelle des neuen Lebens ist."

Seit 2006 wirkt in Südosteuropa die Initiative "Gläubige für den Frieden". Sie bringt Gläubige zu interreligiösen Konferenzen und Begegnungen zusammen, unter dem Motto: "In dem wir Frieden bauen, loben wir Gott". Die Initiative hat letztes Jahr die Erklärung der Gläubigen für den Frieden zusammengestellt, die die Merkmale der gewaltfreien Identität der Gläubigen zusammenfasst. Wer sich in diesen Merkmalen erkennt, wird eingeladen, die Erklärung auf Seite www.vjernicizamir.org zu unterschreiben.

Die Aufforderung zur gewaltfreien Identität der Gläubigen beinhaltet auch Konflikte. Der Glaube als Gegensatz zu Gewalt kann Unruhe verursachen. Es kann sein, dass es am schwersten sein wird, mit Konflikten in der eigenen Gemeinde umzugehen. Es kann vorkommen, dass einige Mitglieder der Gemeinde das Beleben der Friedensidentität der Gläubigen als eine Bedrohung, eine Veränderung erleben, in der sie sich nicht wiedererkennen. Das Risiko ist dadurch noch größer, dass man sich mit denjenigen auseinandersetzt, die sich auf die gleichen religiösen Quellen wie wir berufen. Die Konflikte stellen eine Gefahr dar, aber auch eine Chance, in unseren Gemeinden die zwischenmenschlichen Beziehungen zu vertiefern und gemeinsam die Kapazitäten für Friedensstiftung zu stärken. Wenn es wahr ist, dass Gewaltfreiheit und Friedsstiftung wichtige Aspekte der Gläubigensidentität sind – wie wir überzeugt sind – ist es dann nicht an der Zeit, dass wir uns den Konflikten aussetzen? Dabei sollen wir von der Vision geleitet werden, dass uns unser Glaube zu gewaltfreiem Handeln führt und dass das unsere Art ist, ein Glaubenszeugnis zu geben und unseren politischen Beitrag zum Aufbau einer gerechten Gesellschaft zu leisten.

Übersetzt aus dem Kroatischen von Judit Raffai.

 

Ana und Otto Raffai

Herausgegeben in Svjetlo riječi, Oktober 2013.

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