CIM: Versöhnung und Friedensarbeit in Bosnien

Sie wollen Vertrauen wieder aufbauen und Versöhnung zwischen den Menschen in Bosnien schaffen. Das Zentrum für Friedensarbeit setzt sich dafür ein, dass die Gräben zwischen den Bevölkerungsgruppen, die der Krieg in den 1990er Jahren geschaffen hat, sich verkleinern und dass Kroaten, Serben und Bosniaken wieder friedlich und nachbarschaftlich zusammen leben.

Seit der Imam Vahidin Omanović im Jahr 2011 den Friedenspreis der schwelle als unbekannter Friedensarbeiter bekam, ( Friedenspreis 2011) verbindet uns eine kontinuierliche Zusammenarbeit. Das von ihm 2004 gegründete Friedenszentrum CIM (Center for Peacebuilding) leistet vorbildliche Arbeit und hat – u.a. durch den Friedenspreis – seine Stellung in der Stadt Sanski Most und im Land Bosnien-Herzogowina und darüber hinaus festigen und ausbauen können.

Obwohl hier in Deutschland der Eindruck vorherrscht, die politische Lage in Bosnien sei befriedet, kennzeichnen unsere Partner vor Ort sie als getrennter denn je. Die einzelnen Bevölkerungsgruppen leben unvermischter als vor dem Krieg und nationale Stereotypen dominieren die Politik. In einer Volkszählung sollten sich die Menschen je einer Gruppe und Religion von dreien (Bosniake, Kroate, Serbe) zuordnen – anderes war nicht vorgesehen. Unsere Partner empfinden die Lage mit der weitgehend parallel strukturierten Republik Srbska als gewaltträchtig und sehr gefährlich.

Umso wichtiger ist die hoffnungsvolle Friedensarbeit bei CIM, die viele Jugendliche erreicht und eine große Gruppe ehrenamtlicher FriedensarbeiterInnen ausbilden und einbinden kann. Viele Eltern und wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens konnten mit der Zeit als Unterstützer gewonnen werden.

Vahidin ist selbst den Weg von schlimmster Gewalterfahrung und Hass zur Versöhnungsbereitschaft gegangen, hat in den USA peace-studies studiert und außerdem eine Ausbildung als Trauma-Therapeut. Seine große persönliche und spirituelle Ausstrahlung benutzt dieser von einem offenen Islam geprägte Imam nie, um die Jugendlichen zu dominieren. Wo immer es möglich ist, ermutigt er sie selbst, die Initiative zu übernehmen: "Macht Ihr das – es ist Euer Zentrum." In ihren Büros im Zentrum der Stadt sind sein Kollege Mevlodin Ramanović, Vahidin und viele Freiwillige aus verschiedenen Ländern anzutreffen. Ein großer Raum dient als Versammlungsort und Seminarraum für die vielfältigen Aktivitäten.

Anlässlich des Iftar, des Fastenbrechens, feiern sie regelmäßig ein großes öffentliches interreligiöses Essen in dem kleinen Park der Stadt .

2012 wurde ein interreligiöser Chor gegründet, der aus Mitgliedern verschiedenen Geschlechts, verschiedener Altersgruppen, Ethnien, Nationalitäten und religiöser Überzeugungen besteht. Er singt sowohl zu muslimischen wie christlichen wie auch kommunalen Feiertagen und Anlässen.

Jährlich veranstaltet CIM ein Peace Camp, in dem Jugendliche verschiedener Ethnien und Religionen zusammenleben und lernen. Viel Raum nimmt es ein, einander in Anwesenheit erfahrener Trainer in vertrauter Atmosphäre von den Gewalt- und Konflikterfahrungen zu erzählen und Wege des Verstehens und eines neuen Miteinanders zu finden. Ein weiterer Schritt ist das Wagnis mit der neuen Sichtweise hinaus in den Alltag zu gehen und vielleicht schon im nächsten Camp einer der jugendlichen Mitarbeiter zu werden.

Um den 21. September herum findet jährlich eine internationale Friedenswoche in Sanski Most statt, mit der CIM in die Öffentlichkeit der Stadt geht. Es finden Workshops, Vorträge, eine Mal-Werkstatt, Konzerte, Tänze und ein Tag der offenen Tür u.a. mit Sprachkursen statt.

2012 begann ein neues Projekt "Truth, Healing and Reconciliation in the community". Es soll 45 persönliche Geschichten aus dem Krieg 1992-95 sammeln und wenn die Betroffenen soweit sind, sollen diese persönlichen Erfahrungen an öffentlichen Orten hörbar gemacht und geteilt werden. Petra Titze und Wiebke Jung von der Stiftung waren bei der ersten bewegenden Veranstaltung dieser Reihe anwesend.

In der sogenannten interreligiösen Schule treffen sich wöchentlich 20 Vertreter der in Sanki Most vorhandenen Religionsgruppen: muslimisch, römisch-katholisch, serbisch-orthodox und protestantisch. Die jeweiligen Geistlichen leiten dann für einen Monat einen Kurs über ihre Religion und zwar mit dem Schwerpunkt: 1. Herzensanliegen ihrer Glaubenstradition 2. wie sieht die jeweilige Religion Frieden und Friedensbildung. Danach soll ein Curriculum dazu oneline gestellt werden.

Internationale Freiwillige und internationale Begegnungen sind auch ein wichtiges Element in CIMs Jugendarbeit. Konflikttraining und Friedensarbeit ist eben nicht nur in Bosnien nötig und manches wird aus Abstand sichtbar, Beispiel oder gar Vorbild. Es besteht Kontakt nach Deutschland in die USA und neuerdings auch nach Nordirland.

Es freut uns von der schwelle ganz besonders, dass sich unsere Projektpartner RAND in Kroatien, Fenix in Sanski Most und CIM vernetzt sind. Zum Beispiel bei einem Training für GrundschullehrerInnen geleitet von RAND und CIM veranstaltet in Fenix.

Noch viele Ideen – u.a. der einer Friedensbotschaft, eines eigenen Hauses mit Cafe und Seminar- und Begegnungsräumen – sind offen. Wir in Bremen denken auch noch darüber nach, wie wir diesen offenen bosnischen Islam für interkulturelle und interreligiöse Arbeit in Deutschland bekannter machen können.

Weiteres aus dem Projekt

Appell für den Frieden: Werde aktiv und handle!

Tag der Gewaltfreiheit in Zagreb: Was wissen Sie über Gewaltfreiheit? fragen Freiwillige von RAND.

Mit dem Appell zum Handeln ruft die Gruppe von Katholiken, Muslimen, Orthodoxen und Protestanten vom Westbalkan, die Initiative der Gläubige für den Frieden, die sich für den Friedensaufbau und die Kultur der Gewaltfreiheit einsetzt, auf, in das Jahr 2015 einzutreten.

Im vergangenen Jahr beobachteten wir mit Sorge, dass es immer mehr Beispiele untoleranten Verhaltens gegenüber Menschen islamischer Glaubenszugehörigkeit gibt. Diese Intoleranz wird als Widerstand gegen den Terrorismus dargestellt, der am ausgeprägtesten in der Form der Verbreitung des sog. Islamischen Staat zu erkennen ist. Dies macht uns unruhig, denn die Intoleranz gründet auf dem bloßen Unterschied in der Glaubenszugehörigkeit, und sie macht uns um so mehr Sorgen, als sie uns an jene Intoleranz erinnert, die in den Hass und die Gewalt der Kriege in den 90-igen Jahren in Kroatien und Bosnien und Herzegowina mündete. Die Intoleranz und Feindseligkeit erkennen wir in den Sätzen, die Abwertung ausdrücken. Sie wird gestärkt unter anderem durch verschiedene Formen der Sicherheitskontrollverfahren, wie z.B. an Flughäfen, wenn die Kontrollen gegenüber den Muslimen und vor allem den Muslima - da die Frauen dank dem Kopftuch am ehesten sichtbar werden - intensiviert werden. In den bosnischen muslimischen Familien zieht die Angst ein, dass der regelmäßige Moscheebesuch ihrer Jugendlichen den Zweifel und den Verdacht in ihrer Umgebung wecken könnte, dass ihre Familienmitglieder mit dem radikalen und dem vom Terror belasteten Islam sympathisieren. Wenn die Muslime/Muslima in der Öffentlichkeit auftreten, wird von ihnen erwartet, dass sie sich vom Terrorismus des sog. Islamischen Staates abgrenzen, wobei oft vergessen wird, dass diegleiche Abgrenzung von den Christen nicht erwartet wurde, als es um den Terror von Breivik in Norwegen ging. Wir verfolgen in den Medien Massendemonstrationen der PEGIDA Bewegung in Deutschland als ein Beispiel, wie sich die Atmosphäre der Intoleranz auch in einer Gesellschaft der entwickelten, westlichen Demokratie verbreitet. Mit Freude verfolgen wir die Nachrichten von Gegendemonstrationen, die sich für ein interkulturelles, friedliches Zusammenleben einsetzen.

In unseren Gesellschaften im Westbalkan, die noch nicht ihre Kriegswunden geheilt haben und am chronischen Nationalismus leiden, brauchen wir wirklich keine neuen Fronten der Feindschaft, was die Islamophobie ist. Wir brauchen keine Feindbilder auf Grund von Glaubenszugehörigkeit, wir brauchen keine Kluft, auf deren einer Seite die Muslime und auf der anderen alle andere sind, christlicher oder säkulärer, agnostischer Weltanschauung. Was wir brauchen, ist das Zusammenleben in unseren Verschiedenheiten.

Das ist kein Appell für Muslime, das ist ein Appell für den Frieden. Wir, die wir die Feindschaften der Kriege am eigenen Leib erfahren haben, rufen zur aktiven Gewaltfreiheit auf, zumal wir sehr wohl wissen, dass sich die jahrelang angesammelte Feindschaften nur mühevoll abbauen lassen. Es ist richtig und gut, die abscheulichen Verbrechen im Namen des Islam heftig zu verurteilen, wie es laut und offen Muslime und Muslimas und ihre Vertreter weltweit tun. Genauso sollen wir uns beständig und täglich den Vorurteilen und der Intoleranzverbreitung widersetzen. Sie sind gefährlich, weil sie Hass gebären.

Wir sind uns unserer Verantwortung vor Menschen und vor Gott bewusst, dass wir eine Gesellschaft aufbauen, in der die Wahrheit sich ausbreitet und die Gerechtigkeit herrscht. Diese Verantwortung ist die konkrete Gestalt, in der wir unseren Glauben bekennen. Wir richten diesen Appell an alle Glaubenden und Menschen guten Willens, damit sie sich mit dem Problem des Terrorismus' auseinandersetzen, so dass sie gegen die Intoleranz gegenüber Menschen islamischer Glaubenszugehörigkeit Widerstand leisten, wo immer sie ihr in der Gesellschaf begegnen. Unsere Angst vor der Gewalt des sog. Islamischen Staates wird die Intoleranz gegenüber unseren muslimischen Nachbarn nicht beseitigen. Statt der Auseinandersetzung mit dem Problem und an Stelle der Begegnung mit dem anderen lässt die Intoleranz den Konflikt eskalieren, bahnt den Weg für neue Gewalt und für den Krieg. Da wir „diesen Film“ schon gesehen haben, interessiert er uns nicht, wir lehnen die Gewalt entschieden ab und wählen einen anderen Weg, auf den wir euch auch einladen.

Jede und jeder kann auf diesem Weg aus der unerschöpflichen Quelle eigener kreativer Fähigkeiten schöpfen. Wir finden, dass es jedenfalls nötig ist, dass du:

  • dein Bewusstsein für das Problem schärfst und beobachtest. Schließ nicht die Augen , sondern schau zu und denke nach! Vor jeder Staatsordnung und -sicherheitsmaßnahme steht dein Gewissen und dein Verstand. Denk nach, und was dir unlogisch erscheint, akzeptiere nicht selbstverständlich. Gewöhne dich nicht an jetzige Zustand, sondern erkenne, womit du nicht einverstanden bist und nenne es beim Namen. Das Unlogische prüfe kritisch nach. Stelle dir vor, wie du dich fühlen würdest, wenn man dich tagtäglich misstrauisch beobachten würde und dich unter schärfere Kontrollregeln als andere Bürger um dich herum stellen würde.
  • Finde eine Verbindung, eine Gemeinschaft, eine Person, die muslimischer Identität ist, um dich aus erster Hand zu informieren, wie sie sich in den aktuellen gesellschaftlichen, von der Sorge um die Sicherheit gegen den Terrorismus gekennzeichneten Umständen fühlt
  • Als Muslim / Muslima schliesse dich nicht als Opfer in deine Welt ein, sondern kommuniziere deine Gedanken, Wünsche, Vorwürfe, damit sie in die Ideen und Vorschläge der ganzen lokalen Gemeinschaft einfließen. Überlege und tausche dich mit deiner Umgebung darüber aus, was wirklich deine Sicherheit stärkt und was sie eigentlich gefährdet.
  • Der zivile Widerstand lebt von der Kommunikation, deshalb schreibe, sprich, widerspreche, sag laut, was du denkst. Handle wegen der anderen genauso wie wegen dir selbst, denn sobald du wirkst, bewirkst du die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest, einer Welt, in der die Freiheit des Wortes und der Bewegung herrschen.
  • Rede über Beispiele der gelungenen interkulturellen Solidarität mit deiner Umgebung, wie es das Beispiel von den Bürgern in Australien zeigt, die die Begleitung ihrer muslimischen MitbürgerInnen nach dem gewalttätigen Amoklauf eines Iraners aus Sidney (November 2014) angeboten haben, oder das Beispiel aus Kanada, wo die Bürger auf islamophobe Grafitti an der Wand der Moschee ihre Botschaften geschrieben haben: Ihr seid unsere Mitbürger und wir sind mit euch zusammen (Oktober 2014).Wann immer du dafür Kraft findest, reagiere, denn jedes Reagieren hat Sinn.
  • Wenn dich dieser Inhalt anspricht, unterschreibe die Deklaration der Gläubigen für den Frieden, die du auf der Homepage von www.vjernicizamir.org findest.
  • Wende dich im Gebet an Gott, damit du genug Kraft hast, und es dir nie zu schwer wird, Schritt für Schritt sich für deinen Nächsten, deinen Nachbarn einzusetzen.

Wo immer du dich für eine gerechte und bessere Welt einsetzt, Gott ist nahe. Deshalb, sei aktiv und handle.

Ana und Otto Raffai

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Info

Land:
Bosnien und Herzegowina

Thema:
Konfliktbearbeitung / Versöhnung

Gründung:
2004

Zusammenarbeit seit:
2012

Webseite:

Weitere Links

Vahidin Omanovic - Friedenspreisträger der schwelle 2011

 

 

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