Ordensschwester und Anwältin für Indigene in Indien: Avila Tharayil

Friedenspreis 2015: Auswahlliste

Adivasis haben es doppelt schwer. Die indischen Ureinwohner werden nicht nur ausgebeutet, sondern auch von maoistischen Naxaliten bedroht. Die Ordensschwester Avila Tharayil ist deshalb Juristin geworden. Vor Gericht macht sie sich für die Indigenen stark.

Gadchiroli ist einer der ärmsten Distrikte im indischen Bundesstaat Maharashtras, rund 800 Kilometer östlich von Mumbai. Hier bilden die Adivasis die Mehrheit der Bevölkerung. Sie werden von staatlichen Stellen, Unternehmen und Angehörigen höherer Kasten ausgebeutet und vertrieben. Mit Jagen, Sammeln und Gelegenheitsarbeiten versuchen sie, ihr Überleben zu sichern.

Zwischen den Fronten

Bedroht werden sie dabei von den Naxaliten, einer 1967 gegründeten maoistischen Bewegung, die ursprünglich das Ziel verfolgte, Adivasis vor Vertreibung und Ausbeutung zu schützen. Inzwischen gehören jedoch Schutzgelderpressung und Entführungen zu ihrem Alltagsgeschäft – ebenso wie blutige Anschläge. Auf letztere reagierte der Staat ab 2009 mit einer der größten Militäroperationen in der Geschichte Indiens. Es entstand eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt, bei der bereits Tausende Menschen starben. In diesem Konflikt geraten die Adivasi immer wieder zwischen die Fronten, werden gefoltert oder sogar ermordet.

Mitten in diesem Konflikt setzt sich die heute 66-jährige katholische Ordensschwester Avila Tharayil gewaltfrei, aber entschieden für ein Ende der systematischen Ausbeutung der Adivasis ein. Denn sie ist überzeugt: Ein dauerhafter Frieden setzt soziale Gerechtigkeit voraus.

Probleme hinter der Armut

Die in Deutschland ausgebildete Krankenschwester und Hebamme stammt aus dem Südwesten Indiens. In den 70er-Jahren kehrte sie nach Indien zurück und bot in Maharashtras medizinische Hilfe für notleidende Dorfbewohner an. Bald erkannte sie die Probleme hinter der Armut: Ausbeutung, Unterdrückung und Unwissenheit der Bevölkerung über ihre eigenen Rechte. Neben ihrer medizinischen Arbeit absolvierte sie deshalb erfolgreich ein Jurastudium und gründete 1992 die lokale Organisation „Lokmangal Sanstha“ (zu deutsch: „Das Wohl der Menschen“), um sich für die schutzlosen Adivasis einzusetzen.

Bis heute zieht sie fast täglich vor Gericht und vertritt benachteiligte und ausgebeutete Mitmenschen. Gemeinsam mit ihrem Team klärt sie Adivasi über ihre Rechte auf, bildet Anwaltsgehilf(inn)en in den Dörfern aus und stärkt insbesondere Frauen in ihrem Selbstbewusstsein – denn häusliche Gewalt ist in diesem schwierigen Umfeld an der Tagesordnung. Schwester Avila hat deshalb auch ein Zentrum für Frauen und Kinder in Not gegründet, für dessen Unterhalt sie jedes Jahr mit Erfolg staatliche Gelder einwirbt.