Der Bumerang des Lebens

Unsre Partnerorganisation No Name Kitchen unterstützt "People on the Move" an den Grenzen der Europäischen Union. In Ihrem Newsletter vom November berichten sie eindrücklich von einer Familie.

Sie ist zierlich. Nussige Haut. Zarte Augen. Er ist so dürr, ohne Mantel unterwegs, obwohl es regnet und kalt ist. Ihre Tochter ist sechs Jahre alt und vertreibt sich die Zeit mit nichts. Mit nichts? Ja, die Kinder können das, sie brauchen nicht viel, um der Realität zu entfliehen.

Da sie ihr ganzes Leben im Gazastreifen verbracht hat, hat sie wohl gelernt, das Leid zu ignorieren. Sie reisen mit einem libanesischen Jungen, den sie in Lesbos kennen gelernt haben. (Wie könnten sie auch nicht?) (Für die Menschen, die aus dem Nahen Osten geflohen sind, ist Lesbos so etwas wie Facebook 2015: ein Ort, an dem jede*r um neue Freund*innenschaften wirbt oder geworben hat)

Die vier stehen auf der Straße und schauen auf das Haus, aus dem sie gerade rausgeworfen wurden. Es ist eines der typischen Häuser in Nordbosnien: ein Giebeldach, zwei Stockwerke, ein Dachgeschoss, viele unverputzte Ziegel und Fenster mit zerbrochenem Glas, bei denen keine Hoffnung auf Reparatur besteht. Es liegt direkt an der Straße, die Velika Kladuša mit Kroatien verbindet - aber nicht die, die zum offiziellen Grenzübergang führt, sondern die, die an einem kleinen Grenzposten nur für Locals endet.

Sie ist schwanger. Sie trägt eine Art Schal über dem Kopf, aber sie nimmt ihn ab und legt ihn wieder an, während sie spricht, also nichts Religiöses, sondern einfach was gegen die Kälte. "Als wir es schafften, aus dem Gazastreifen zu fliehen, dachten wir, dass uns nichts aufhalten könnte", sagte sie. "Aber jetzt denke ich, die kroatischen Kommandos sind schlimmer als die israelischen, haha."

Uff! und sie lacht.

Sie haben ihre gesamten Ersparnisse genutzt, um aus Palästina herauszukommen. Mitten im Krieg haben sie Syrien durchquert. Sie kamen in der Türkei an, sind in Izmir an Bord gegangen, riskierten ihr Leben und kamen in Lesbos an, wurden nach Athen geflogen. Von dort aus ging es weiter nach Mazedonien, durch Bulgarien, durch acht Monate in einem Camp, wo sie ihre Familie um mehr Geld fragten und heuerten schließlich eine*n Taxifahrer*in an, um zuerst Serbien und dann Bosnien zu erreichen, und nach zwei Jahren auf der Flucht - mit einer Schwangerschaft auf dem Weg - trafen sie auf eine Gruppe kroatischer Polizist*innen, die sie auf den Boden zwangen.

Dem Vater und dem libanesischen Freund wurden Rottweiler-Hunde vors Gesicht gehalten. "Ich habe mir in die Hose gepinkelt, haha", sagt der Libanese und lacht nervös. Sie nahmen ihr den Schleier weg. Sie versetzten den Körper des Mädchens in Angst, für ewig. Sie setzten sie in einen Lieferwagen und fuhren sie zurück an die bosnische Grenze, in den Wald, und sagten ihnen, sie sollten zurückgehen, den zugefrorenen Fluss überqueren und einfach zurückgehen.

"In Gaza haben wir Angst vor israelischen Bomben, aber wenigstens haben wir ein Haus", sagt er und ist sichtlich besorgt über die fehlende Bleibe für die Nacht. Das Ego der männlichen Zerbrechlichkeit: auf den Fluchtrouten so sichtbar, wo die Familienoberhäupter in Schuldgefühlen versinken, weil sie nicht in der Lage sind, eine Lösung für etwas zu finden, das nicht in ihrer Hand liegt.

Als sie nach Bosnien zurückkehrten, betraten sie dieses Haus. Keins der typischen, von den Besitzer*innen verlassenen und baufälligen Häusern. Dieses Haus hat Möbel, ein Feuer zum Kochen mit Holz und ein Badezimmer - zwar ohne fließendes Wasser, aber immerhin ein Badezimmer. Als Familie mit einem so kleinen Kind, haben sie beschlossen, dort zu schlafen, bis sie eine bessere Lösung finden.

Enteignung eines Hauses, würden manche sagen. Widerstand gegen die Macht, sagen die anderen. Zwei Tage später, was heute ist, kam die Polizei.

Sie gaben ihnen ein Papier, das nach Geldstrafe riecht und nahmen ihre Rucksäcke mit auf die Straße, inmitten von Geschrei und schlechten Verhaltensweisen. Da sind sie nun. Von Gaza nach Bosnien.

Denn ihr Lächeln voller Schmerz ist das Bild der Welt: Diese vier Menschen wurden durch ein System der Unterdrückung aus ihrer Heimat vertrieben. Die israelische Regierung und die Armee. Diejenigen, die töten. Diejenigen, die unterstützen. Diejenigen, die schweigen. Diejenigen, die gleichsetzen. Diejenigen, die ihre verdammte Verantwortung nicht wahrnehmen: Wenn sie Gaza bombardieren, bombardieren wir Gaza. Wenn sie, er, ihre Tochter, ihr Freund und das Baby in ihrem Bauch auswandern, dann deshalb, weil wir sie zur Flucht gezwungen haben.

Der Bumerang des Lebens. Alles kommt zurück. Sogar der Wille zu kämpfen, um die Dinge zu ändern.

Wir haben viel darüber nachgedacht: ein Newsletter über Gaza? Was für ein Mangel an Originalität. Mag sein. Und wenn wir Sie enttäuscht haben, tut es uns leid. Aber wir sind die Kitchen!

Dass sich Palästinenser*innen genauso frei und in Würde bewegen können wie Israelis, dass sudanesische Mütter sich nicht verzweifelt auf den Weg machen müssen, und dass der libanesische Junge sich nicht einpinkeln muss,

Sie sind unsere Sache!

PS: Irgendwie sollten wir die Welt wegwerfen und von vorne anfangen. Aber dieses Mal sollte man es richtig machen, mit Menschen voller Empathie und Mut.

Wie Kate, eine palästinensische Aktivistin, die uns kürzlich aus Ramallah schrieb. Sie hat von NNK gehört, und wenn sie dank unseres Empfehlungsschreibens ein Schengen-Visum erhält, wird sie sich demnächst dem Team als Freiwillige in Ventimiglia anschließen. Je verzweifelter die Lage, desto größer die Hoffnung!

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