Gegen Folter

Yavuz Binbay war als Referent zur internationalen Konferenz „Prävention von Folter und Misshandlung: Stärkung der Zusammenarbeit und der Umsetzung“ eingeladen, die am 29. und 30. Juni in Wien stattfand. In seinem Vortrag sprach er über die Folgen von Folter, die psychotherapeutische Begleitung von Überlebenden und die Erfahrungen aus mehr als 25 Jahren Arbeit mit Folteropfern und Geflüchteten.

Yavuz Binbay ist Gründer und Leiter von SOHRAM-CASRA in Diyarbakır. Seit Jahrzehnten setzt er sich für die Rechte von Folteropfern, Geflüchteten und anderen von Gewalt betroffenen Menschen ein. Die Organisation begleitet Betroffene bei der Traumabewältigung, unterstützt ihre gesellschaftliche Wiedereingliederung und engagiert sich für Menschenrechte, Dialog und Gewaltfreiheit.

Im Folgenden dokumentieren wir seinen Vortrag. Seine Ausführungen verbinden persönliche Erfahrungen als Überlebender von Folter mit langjähriger praktischer und therapeutischer Arbeit für Menschen, die Krieg, Vertreibung, Verfolgung und Folter erlitten haben.

Folter – ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Zu Beginn meines Vortrags möchte ich einen Satz mit Ihnen teilen, den ich zu diesem Thema sehr oft wiederhole: „Folter ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und zugleich ein Verbrechen gegen Gott. Denn sie verletzt die Seele, die Gott gehört.“

Auch ich bin ein Opfer von Folter. Ich wurde mehrfach schwer gefoltert. Als ich zum ersten Mal gefoltert wurde, war ich erst 15 Jahre alt. Dies geschah während des Militärregimes in der Türkei, das 1971 von den Putschisten errichtet worden war.

Da ich diese unmenschlichen Behandlungen selbst erlitten habe, kenne ich die Probleme und das Leid von Folteropfern sehr genau. Ebenso kenne ich die Denkweise der Folterer.

In allen von den Staaten unterzeichneten und registrierten internationalen Dokumenten wird Folter als eine Praxis definiert, bei der Menschen durch Staatsbedienstete innerhalb der für die Staatssicherheit zuständigen Institutionen mittels unmenschlicher körperlicher und psychischer Methoden misshandelt werden.

Obwohl diese Handlungen in den Rechtsordnungen nahezu aller Staaten als Straftaten gelten, werden sie leider weiterhin – in unterschiedlichem Ausmaß – von Staaten praktiziert. Obwohl die Verantwortung der Staaten in den internationalen Übereinkommen klar festgelegt ist, kann man leider nicht behaupten, dass wirksame Maßnahmen zur Verhinderung dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit ergriffen wurden.

Darüber hinaus betrachtet unsere Organisation SOHRAM-Casra seit ihrer Gründung häusliche Gewalt und systematische Misshandlungen als schwere Formen der Folter, auch wenn dies von vielen Staaten und Institutionen bis heute nicht anerkannt wird.

Die Besonderheit von SOHRAM besteht in seinem ganzheitlichen Ansatz. Unsere Arbeit umfasst Bildung, Therapien, interkulturelle und interreligiöse Ansätze sowie Hilfe für Flüchtlinge. Eine Psychotherapie allein reicht nicht aus, wenn die Betroffenen keine Arbeit finden können. Ebenso genügt es nicht, als Flüchtling Unterstützung zu erhalten, wenn man keinen Wohnraum findet und sich die Einstellungen in der Gesellschaft nicht verändern. Wenn eines dieser Programme nicht umgesetzt werden kann, gerät das gesamte Konzept von SOHRAM ins Wanken.

Bevor man über Folter spricht, sollte man zunächst versuchen zu definieren, was Folter ist.

Folter ist organisierte staatliche Gewalt. Es handelt sich um Staaten, die systematisch Gewalt gegen diejenigen anwenden, die sich ihnen widersetzen: gegen Einzelpersonen, Völker, politische Gruppen, Studierende, religiöse und philosophische Überzeugungen, Gewerkschaften oder ethnische Minderheiten.

Folter ist körperliche und psychische Gewalt, die gegen einen Menschen ausgeübt wird und darauf abzielt, ihn zu entmenschlichen.

Folter wird eingesetzt, um den Menschen auf ein durchschaubares Objekt zu reduzieren.

Militärische und juristische Repressionsapparate neigen dazu, die Person, die sie foltern, wie eine „schlechte Sache“ zu behandeln, die beseitigt werden soll.

Der Staat organisiert die Unterdrückung, und in diesem Zusammenhang wird Folter zu einem Instrument dieser Unterdrückung. Der Staat ernennt und schult Folterer und überträgt bestimmten Berufsgruppen die Macht zur Repression und Folter: Polizisten, Militärangehörigen, Wachpersonal, Richtern, Ärzten, Psychiatern und anderen.

So organisiert sich die Gesellschaft um die Unterdrückung herum, und Folter wird zu einem Instrument der Macht.

Der Staat lenkt und organisiert die Folter. Doch wenn Menschen gefoltert werden, geschieht dies durch andere Menschen und in unmittelbarer Nähe. Die Folterer sprechen während der Folter mit ihren Opfern. Sie demütigen sie sowohl durch ihre Worte als auch durch die Gewalt ihrer Handlungen.

  • Ist es möglich, über Folter zu sprechen? 
  • Ist die Sprache stark genug, um dies auszudrücken? 
  • Können Worte das Grauen der Schmerzen und Demütigungen wiedergeben, die durch Folter verursacht werden? 
  • Kann Sprache die albtraumhafte Intensität der psychischen und körperlichen Verwundung des Opfers erfassen? 

Diese Fragen sind schwer zu beantworten. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass das Wort und die Sprache zu den stärksten Mitteln gehören, um Zugang zum Erleben eines traumatisierten Menschen zu finden.

Das Sprechen ist wesentlich, um den Geist aus jener Hölle zu befreien, in die die Folter das Opfer gestürzt hat. Durch das Sprechen nähern wir uns sowohl der psychischen Realität als auch der subjektiven Erfahrung des Überlebenden.

Die abscheuliche Kraft der Folter besteht darin, die Psyche des Opfers dauerhaft zu schädigen. Dies geschieht durch die Botschaften und Suggestionen der Folterer, die das Opfer gegen seinen Willen verinnerlicht – durch Mechanismen, die jenen einer Gehirnwäsche in Sekten ähneln.

Indem das Opfer über sein Erleben und über seinen sichtbar oder unsichtbar verletzten Körper spricht, kann es die Schäden benennen, die durch die Folter verursacht wurden.

Durch das Gespräch und die psychotherapeutische Erfahrung kann der „verinnerlichte Folterer“, der noch immer und gegen seinen Willen im Opfer fortlebt, schrittweise überwunden werden. Dieser Ansatz, der darauf abzielt, den „verinnerlichten Folterer“ zu lösen und zu überwinden, bildet die Grundlage der psychotherapeutischen Arbeit mit Folteropfern.

Es muss betont werden, dass dieser grundlegende Ansatz in der psychiatrischen und medizinischen Welt noch immer wenig bekannt ist.

Seit der Gründung unseres Zentrums haben wir im Rahmen psychotherapeutischer Arbeit Frauen und Männer begleitet, die direkt Opfer von Folter geworden sind, ebenso wie Kinder, die durch das Leid ihrer Eltern traumatisiert wurden.

In diesen psychotherapeutischen Konsultationen haben wir das unbeschreibliche Grauen der Folter, die von Albträumen erfüllten Nächte und die unaussprechlichen Verletzungen durch Vergewaltigungen unter Folter aufgenommen, angehört und begleitet. Ebenso haben wir die schlaflosen Nächte unserer Klienten, die Flashbacks am Tage, die Panikattacken, die Lebensmüdigkeit infolge traumatischer Ereignisse, schwere Depressionen sowie Angstzustände bis hin zur Depersonalisation begleitet.

Während dieser fünfundzwanzig Jahre haben wir beobachtet, dass eine frühzeitige Betreuung von Folterüberlebenden zu tragfähigen und nachhaltigen psychotherapeutischen Ergebnissen führt. Dies hat unsere Überzeugung von der Bedeutung dieses Ansatzes gestärkt. Überlebende von Folter, die ohne lange Wartezeiten Unterstützung erhalten, finden leichter wieder zu sich selbst. Sie gewinnen die Kraft zurück, ihren Weg im Exil fortzusetzen, und können sich besser von den traumatischen Ereignissen distanzieren, die sie erlitten haben.

Die Menschen, die wir begleitet haben, konnten sich besser in die Gesellschaft integrieren, wieder eine Arbeit aufnehmen und ernsthaft über ihre Zukunft nachdenken. Dies zeigt, dass sie ihr Selbstvertrauen zurückgewonnen und sich erneut der Zukunft zugewandt haben. Die Folterüberlebenden, die unsere Beratungen besucht haben, verstanden die Funktionsweise der Institutionen deutlich besser als jene Betroffenen, die keine Behandlung erhielten und auf soziale Unterstützung angewiesen blieben. Dies zeigt, dass der psychotherapeutische Ansatz unseren Patienten geholfen hat, ihre Opferrolle zu überwinden und wieder zu selbstbestimmten Menschen zu werden, die von der Gesellschaft geachtet werden und ihrerseits andere achten.

Die von uns begleiteten Eltern konnten sich wieder um ihre Kinder kümmern, sich für deren schulische Entwicklung interessieren und sogar aktiv am Schulleben teilnehmen.

Je mehr unsere Patienten ihre mit Füßen getretene Würde und ihre verletzte Ehre zurückgewannen, desto mehr gelang es ihnen, den Ereignissen einen Sinn zu geben und Abstand zu ihnen zu gewinnen. Unsere therapeutische Erfahrung zeigt, dass die Menschen wieder innere Ruhe finden und Nächte ohne Albträume erleben können, wenn sie Vertrauen und Sicherheit zurückgewinnen.

Viele Patienten haben die Psychotherapie als einen besonderen Ort angenommen, als einen Raum, der ihnen gehört. Einige sagten uns, sie betrachteten den Beginn ihrer Psychotherapie als ihren eigentlichen Geburtstag. Andere berichteten, dass sie psychische und körperliche Empfindungen wiedergefunden hätten, die sie während und nach der Folter vollständig verloren hatten.

Wir betrachten die Erfahrung der Folter als eine plötzliche Begegnung mit dem Tod – als den Tod des Selbst oder als einen „Tod der Seele und des Körpers“.

Folter ist der Ort einer brutalen Zerreißprobe. Sie stellt einen erschütternden Eingriff in das psychische und körperliche Erleben des Menschen dar, mit dem Ziel, ihn durchsichtig zu machen, ihn zu vernichten und zugleich am Leben zu erhalten. Die therapeutische Arbeit besteht darin, den Menschen bis an die Grenzen seiner Hölle, bis an die Schwelle des Todes, zu begleiten und ihn wieder in die Gemeinschaft der Lebenden zurückzuführen. Er lernt dann Schritt für Schritt erneut, den Alltag zu bewältigen, eigenständig zu handeln und sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Dabei muss er sich Schuldgefühlen und Scham stellen und kann nach und nach die Arbeit an seinen Verlusten und seiner Trauer aufnehmen. Unsere Patienten haben häufig von dem Misstrauen berichtet, mit dem sie von Institutionen empfangen werden.

Es ist von grundlegender Bedeutung, dass Organisationen und Einrichtungen, die sich gegen Folter einsetzen und Exilierte unterstützen, jede Form von Misshandlung auch in den eigenen Strukturen bekämpfen. Denn der Zweifel an den Aussagen von Opfern verursacht ein zweites Trauma, das sich auf das ursprüngliche Trauma auflagert.

In unserer klinischen Arbeit sind wir stets dem psychischen und körperlichen Leiden unserer Patienten nahe geblieben und haben ihre Fähigkeit gefördert, wieder aufzustehen, nachzudenken und einen Schritt nach vorne ins Leben zu machen. Hier erhält der Begriff der Resilienz seine volle Bedeutung.

  • Das Leid von Tausenden Folter- und Kriegsopfern lindern und ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft fördern. 
  • Kindern, die Opfer von Krieg und Folter geworden sind, durch unser Bildungsprojekt Hoffnung für ihre Zukunft geben. 
  • Durch unseren Sozialdienst Hunderten von Opfern von Krieg und Folter helfen, einen Arbeitsplatz oder einen Ausbildungsplatz zu finden. 
  • Vielen Kriegsopfern Hoffnung für ihre Zukunft geben, indem unser Zentrum für sie zu einem Ort der Begegnung geworden ist. 

Yavuz Binbay

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