Zwischen Krieg und Gewissen

Am 27. Oktober 2025 ermöglichte die dreiseitige Kooperation zwischen der Stiftung die schwelle, den Quäkern (Gruppe Bremen) und Connection e.V. eine Veranstaltung in Bremen zum Thema Kriegsdienstverweigerung und Desertion in Russland.

Bei dieser Veranstaltung sprach die russische Juristin und Menschenrechtsaktivistin Katja Dikovskaya als gegenwärtige Direktorin für die Bewegung für Kriegsdienstverweigerung in Russland im Kontext ihrer internationalen Organisation stoparmy https://stoparmy.org/. Ihr Engagement reicht in den Anfang des Jahrhunderts zurück, als sie bei den Soldatenmüttern in St. Petersburg und später für die — inzwischen verbotene — Organisation MEMORIAL tätig war. 

Katja Dikovskaya stellte zunächst ihre Organisation vor, die seit 2013 Militärdienstverweigerer unterstützt und sich für zivile Bildung gegen Militarisierung, Kriegspropaganda und Unterdrückung einsetzt. Angesichts der von ihr beschriebenen russländischen Dämonisierung der ukrainischen Regierung als Nazis und Faschisten bzw. westliche Marionetten berichtete sie vom Rückzug vieler russischer Menschen in die Selbstzensur, die Vermeidung offener Rede und Emigration.

Die Rekrutierung von Soldaten reicht inzwischen über eine Altersspanne von 18-30 Jahren und wird strikt kontrolliert. Über Anträge auf Kriegsdienstverweigerung wird oft nicht entschieden. Vertragssoldaten werden über die vertraglich vereinbarte Spanne im Dienst belassen. Viele Soldaten wenden sich an die ukrainische Hilfs-Hotline I want to live und beantragen ihre Aufnahme in das dazugehörige Hilfs-Programm. Der feministische Antikriegswiderstand russischer Frauen ist vor allem bei der  Suche nach Vermissten und Gefangenen aktiv. Gleichzeitig nimmt Dikovskaya eine tiefe soziale Krisensituation wahr, die sich darin ausdrückt, dass zurückkehrende Soldaten immer häufiger zu häuslicher Gewalt gegen Frauen greifen.

Rechtsanwalt Artem Klyga aus Russland hat sich auf Militärrecht spezialisiert. Er berichtete über viele Erfahrungen mit Rekrutierung, Kriegsdienstverweigerung und allen anderen Fragen im Zusammenhang mit Asyl. Seit März 2025 arbeitet er als Fachberater für Osteuropa bei Connection e.V.. Mit Blick auf russisches Militärecht ist er bei der EU-Asylagentur für Fragen des russischen Wehr- und Zivilrechts und im UN-Zusammenhang tätig. Seitdem er selbst zum Kriegsdienst gezwungen werden sollte, lebt er im Exil. Er bestätigte und verstärkte die Einschätzung seiner Vorrednerin zur innerrussischen Situation und vertrat die These, die „Informationsmobilisierung“ mache den Menschen selbst ohne Waffe zum Teil des Krieges – durch Likes, Spenden für militärische Zwecke, militaristische Rhetorik von Journalist*innen und Memes.

Er beschrieb, wie das Recht auf Kriegsdienstverweigerung im Krieg in Russland und in der Ukraine ausgehebelt wird. In der EU haben sich 60 Antikriegsinitiativen an das Europäische Parlament gewandt, um Kriegsdienstverweigerer, Deserteure und jene, die sich als Soldat ergeben haben, zu schützen. Die Staaten haben sich demgegenüber sperrig gezeigt, besonders Estland, Finnland und Lettland. In Deutschland haben nur 349 von 6374 russischen Männern im Alter zwischen 18 und 45 Jahren, die zwischen Anfang 2022 und April 2025 Asyl beantragten, Schutz erhalten als Flüchtlinge, Asyberechtigte oder als vor Abschiebung Geschützte. Jüngere Fälle zeigen, dass die deutschen Gerichte zum Teil anders entscheiden als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

In der Veranstaltung zeigte sich von Beginn an ein starkes Interesse aus der Zuhörerschaft, Gegenstimmen nicht nur als Zwischenrufe, sondern auch als längere Einwürfe zu Gehör zu bringen. Für die Stiftung war das lehrreich, denn es wurde insofern deutlich, dass – insbesondere bei eigener Betroffenheit zum Thema – auch Quellen und Wahrhaftigkeit der Rede angezweifelt werden können. Eine solche Situation ist gewiss eine Herausforderung; sie bietet allerdings auch die Chance, über entsprechende Gesprächsformate für den notwendigen und intensiveren Austausch zu reflektieren, in denen auch Menschen aus aktuell gegnerischen (staatlichen) Kollektiven miteinander ins Gespräch kommen können.

Connection e.V. hat im Mai 2024 den Internationalen Bremer Friedenspreis der Stiftung die schwelle erhalten. Mehr Informationen dazu hier: Connection

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