Belgrad: Mut, Widerstand und Hoffnung

Studenten, danke

Vom 15. bis 17. Mai 2026 besuchte die Initiative Gläubige für den Frieden, in der sich Ana und Otto Raffai von unserem Projektpartner RAND engagieren, Belgrad. Neben Begegnungen mit dem Jesuitischen Flüchtlingsdienst und einem öffentlichen Abendgespräch erlebten sie eine Stadt, die weiterhin vom größten gewaltfreien Widerstand Europas geprägt ist. Trotz Repression, Einschüchterung und politischer Gegenkampagnen tragen Student:innen, Universitäten und viele Bürger:innen den Protest mit bemerkenswerter Ausdauer, Mut und Hoffnung. Hier der Bericht von Ana Raffai.

Während der Studienreise stellten wir bei einem Abendgespräch unsere Initiative vor. Nachdem Otto über die Initiative “Gläubige für den Frieden” berichtet hat, entwickelten wir anhand der Schlüsselbegriffe der Konferenz in Omiš – Spiritualität, Wille und Mut – die zentralen Themen des Austauschs. Das Gespräch dauerte deutlich länger als geplant und machte sichtbar, wie groß das Interesse an Fragen von Gewaltfreiheit, gesellschaftlicher Verantwortung und demokratischem Widerstand derzeit ist. Der Aufenthalt in Belgrad war für uns sehr wichtig, auch um die aktuelle Lage im größten gewaltfreien Widerstand in Europa zu erleben. Ich schreibe diese Zeilen, um zu informieren, aber auch mit dem Ziel, andere zu motivieren, diese Bewegung zu unterstützen.

Es ist zu bewundern, dass die Moral und der Mut zum Widerstand nicht nachgelassen haben. Die seit November 2024, also seit eineinhalb Jahren, andauernden Proteste sind nicht zum Schweigen gebracht worden - trotz der Repression, trotz des Versuchs der Regierenden, durch die Nachahmung der Aktionen Verwirrung in der Öffentlichkeit zu erzeugen. Die Taktik der Nachahmung wird aktuell gebraucht: Die Student:innen haben die neueste Aktion unter dem Titel DIE STUDENTEN SIEGEN in die Öffentlichkeit gebracht. Die von der Regierung geleitete Gegenaktion heißt „Serbien siegt“.

Die Botschaft „Die Studenten siegen“ findet man in Form von Aufklebern überall in Belgrad, auf den Straßen, auf Verkehrszeichen, im Restaurant, an Wänden, an Türen. Die Botschaft „Studenten siegen“ ist so stark, ist mutmachend. Sie weckt die Hoffnung, die die Belgrader:innen, die wir getroffen haben, ausstrahlen. Der Protest lässt sich nicht zum Schweigen bringen.

Die Belgrader Universität steht hinter den Student:innen. Das ist auf den Straßen von Belgrad wahrzunehmen. Trotz der von der Regierung organisierten Gegenproteste, die als Ćaciland bekannt sind. Im Stadtzentrum sind das Rektorat wie auch die Philosophische Fakultät. Sie sind voll von Plakaten der Unterstützung, z. B. ES IST NICHT PHILOSOPHISCH zu schweigen. Am Rektorat der UNI ist zu lesen: WIR UNTERSTÜTZEN DIE STUDENTINNEN.

Am berührendsten ist ein großes Plakat, das an einer der Straßen im Stadtzentrum zu lesen ist: „STUDENTEN, DANKE“.

Die Repression ist tückisch, aber sie lässt auch nicht nach. Vor Kurzem ist wiederum ein Auto in die protestierende Menschenmenge eingefahren und hat einen älteren Mann getroffen. Er ist außer Lebensgefahr.

Vor einem Monat, Ende März, wurde die Philosophische Fakultät von der Polizei durchsucht. Anlass war der Tod einer Studentin, der an der Uni passierte, aber nicht direkt mit den Protesten verbunden war. Der Direktor war in den Gebäuden der Fakultät, während die Polizei sie durchsuchte. Während der Durchsuchung, die zehn Stunden dauerte, schrieb er eine Rede. Am Abend sprach er dann zu den versammelten BürgerInnen. Was ich bemerkenswert fand: Mehrmals hört man in der Videoaufnahme, wie manche von den Versammelten zuhören wollten; die Rede war ihnen wichtig. „Schweigt, damit wir hören, was er sagt“, sagte immer wieder jemand. Es ist nicht so üblich, dass bei Protesten dem Inhalt einer Rede so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und die Rede war hörenswert. Sie endete mit dem Satz: „Nije u zlobi, u znanju je moć“ – Nicht im Neid, im Wissen steckt die Macht.

  • Sechs StudentInnen wurden vor Kurzem vor Gericht gebracht. Die Anklage lautet: Verstoß gegen den Staat, Bedrohung des Staates. Sie kamen jede/r in seiner/ihrer Nationaltracht. Diese Tracht ist eine starke Botschaft: Nicht wir haben den Staat in Gefahr gebracht, sondern ihr bringt das Volk vor Gericht.

  • Der Widerstand in Serbien, der größte Widerstand in Europa, geht weiter. Im Fokus stehen die Nationalwahlen. Niemand weiß, wann sie stattfinden; man hofft auf Ende 2026, vielleicht Frühling 2027. Die Kommunalwahlen vor einem Monat zeigen: Nie gab es so viele Gegenstimmen gegenüber der regierenden Partei, nie sind so viele Menschen wählen gegangen. Die Ergebnisse der neuesten Wahlen in Ungarn machen Mut, doch etwas gegen die Machenschaften beziehungsweise den Betrug bei Wahlen erreichen zu können.

  • Die akademischen Institutionen wie auch die Lehrerschaft, also das Bildungswesen, haben die größte Last der Unterstützung übernommen. Auch haben sie die meisten Sanktionen erlitten (Lohnentzug oder Kündigungen in der ohnehin prekären Position der Lehrer:innen in Serbien). Andererseits ist in der Öffentlichkeit der Respekt gegenüber der Universität, den Professor:innen wie auch gegenüber den Lehrer:innen gestiegen. Sie haben als Anerkennung die Würdigung der BürgerInnen bekommen.

Die politischen Strukturen (Regierungen, Parteien, sogar Medien) geben zu wenig Unterstützung für die gewaltfreie Bewegung in Serbien. Das ist eine Schande. Auch für mein Land. Europa scheint sich mehr für die Gewalt des Krieges als für Gewaltfreiheit einzusetzen. Wir aber können das tun, was uns möglich ist, uns einsetzen, wohin auch immer unser Einfluss reicht. Wir können die Nachricht, die Informationen über den Widerstand in Serbien weiterleiten. Wir können uns selbst informieren und auch andere Menschen informieren. Wenn wir Zugang zu lokalen oder nationalen Entscheidungsträgern haben, können wir das Thema ansprechen.

Wo ihr Zugang zu nationalen politischen Strukturen oder EU-Strukturen habt, können wir sie in Verantwortung rufen und die Bemühungen der BürgerInnen Serbiens um mehr Demokratie unterstützen.

Ana Raffai,
Sesvete, 19. Mai 2026

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